Die Rückeroberung des Kitsch

Farin Urlaubs Fotografie (Kuroboshi) lässt sich in zwei Kategorien einteilen:

Zum Einen ist da die klassische Reisefotografie zu nennen, die er vor allem über seine prächtigen „Unterwegs“-Bildbände (1. Indien und Bhutan, 2. Australien und Osttimor) verbreitet. Zum Anderen gibt es seine künstlerischen Aufnahmen, die in den Galerien von Lumas ausgestellt und verkauft wurden:

Farin Urlaub: Rakan (Nenbutsu-ji)
Farin Urlaub: Rakan (Nenbutsu-ji) (Lumas)

Ein Journalist fragte Farin dazu in einem Interview mit der taz:

„Die Bilder wirken ästhetisch, zurückgenommen und ruhig, manche auch kitschig.“

FU: Die Natur, wenn man sie auf zwei Dimensionen zusammenpresst, ist kitschig. Wir bewegen uns in einer von plakativen Motiven übersättigten Umwelt. Alles, was mit Weite, Freiheit, Schönheit in Verbindung gebracht werden kann, wird von der Werbung usurpiert. Man kann die Sachen gar nicht mehr losgelöst sehen. Ich lehne mich dagegen auf.“

Das klingt im Wesentlichen wie diese Zeilen aus dem wunderschönen Juli-Lied „In bin in Paris (in love)„:

Und die Wörter mit
Denen sie Autos verkaufen
Wie Liebe, Herz und Glück
Die holen wir uns zurück

Das Thema scheint Farin generell umzutreiben, denn auch in einem Interview mit der Mainpost über Unterwegs 2 benutzt er dezidiert das Wort „kitschig“ um etwas zu beschreiben, dass ihm schlicht gefallen hat:

Was hat Osttimor Ihnen persönlich gegeben?

Urlaub: Ganz kitschige Sachen: Fremden gegenüber offen und hilfsbereit zu sein. Auf jeder Reise lerne ich immer wieder, wie weit das verbreitet ist – außer bei uns.

Wo wir schon dabei sind: Noch ein lesenswertes Interview zu Fotofarin mit Focus. Auch hier wird der von ihm scheinbar nicht erwartete Ernst, mit dem er die Sache verfolgt thematisiert.

Aber wie ist das denn nun mit den DÄ und Kitsch? Ich habe mal in irgendeinem Buch zu Greates Lovesongs gelesen, dass Schlager und Volksmusik Gefühle behaupten anstatt beschreiben würden – vielleicht passt das auch auf manchen Eindruck den man von Kitsch hat – aber dass die DÄ Schlager oder Volksmusik machen würden hat glaube ich noch nie jemand behauptet: Das ist doch perfekter Rock. Nun bildet aber wohl nicht nur wegen der Alliteration „Kitsch und Kommerz“ einen ziemlich feststehenden Ausdruck. Müsste man also nicht von Kommerzpunks gerade Kitsch erwarten? Vielleicht hilft uns Wikipedia mit einer etwas präziseren Definition:

Kitsch steht zumeist abwertend gemeinsprachlich für einen aus Sicht des Betrachters minderwertigen, sehnsuchtartigen Gefühlsausdruck. In Gegensatz gebracht zu einer künstlerischen Bemühung um das Wahre oder das Schöne, werten Kritiker einen zu einfachen Weg, Gefühle auszudrücken, als sentimental, trivial oder kitschig.

Ich glaube nun, dass es FU und auch Juli hier vor allem um das Adjektiv sehnsuchtsartig geht. Denn auch wenn FU hier ein Plädoyer für den Kitch zu halten scheint, so stehen die Die Ärzte was Liebeslieder angeht, wie es hier in einem Artikel von Münchner Merkur formuliert wird, eher für das Gegenteil:

Wunderbare (Liebes-)Lieder ohne Kitsch, ohne Schmalz, dafür brutal und ehrlich.

oder hier im Berliner Tagesspiegel:

Vielleicht aber hat diese Beliebtheit auch damit zu tun, dass die Ärzte im Unterschied zu anderen deutschen Bands nie aufdringlich, kitschig oder zwanghaft wirken.

Eine Ausnahme mögen manche von Belas Liebesliedern darstellen, die man aber meiner Einschätzung nach auch nur angemessen beurteilen kann, wenn man sie in einem größeren Zusammenhang betrachtet. Klingt nach einem Artikel zum Thema „die Tage“ ™.

Und auch wenn das jetzt kitschig klingt:
Ich hab heut Nacht um Dich geweint
Ich wünsch Dir das die Sonne für Dich scheint

Farin Urlaub Racing Team: Sonne

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