Analyse: Ist das noch Punkrock

Wie bereits seit ein paar Tagen bekannt ist, wird der Album- und Touropener „Ist das noch Punkrock“ die nächste (und vermutlich letzte) Singleauskoppelung vom Album „auch“. Das Lied ist nicht nur tatsächlich eins der schönsten von den Die Ärzte überhaupt, sondern auch noch eine Fundgrube an Programmatischem DÄ-Kram. Das wollen wir uns im vorliegenden Artikel mal näher anschauen.

1. Fick Dich und Deine Schwestern hast Du Dir tätowiert

Keine Ahnung, auf was sich FU hier genau bezieht. Wer soll sich selbst ficken und warum auch gleich seine Schwestern? (In der Tat: Schwestern. Alle im Internet schreiben Schwester im Singular, ist aber laut Booklet (und Gehör) falsch). Soll sich nun also jemand spezielles oder Gott und die Welt selbst ficken und dann seine/ihre Schwestern? Oder gar Gott und seine Nonnen? Durch die Popularität des Songs ist es auch nicht ganz leicht mittels Suchmaschinen zu erfragen ob FU hier ein Zitat bedient. Der Satz jedenfalls dienst als Einsteiger ins Album und wird daher gerne von den Medien und Rezensenten aufgegriffen (siehe hier und in der Spr*ngerpresse).
Auch Farin Urlaub selbst weist auf die Nachfrage, warum die DÄ nicht mehr über Geschwisterliebe sängen (Steilvorlage seitens des Redakteurs) auf diese Startzeile hin.

2. No Future, das war gestern. Seitdem ist viel passiert
Der Redakteur Eric Pfeil möchte Farin Urlaub im (hervorragenden) auch-Review auf FAZ Online für diese Zeile am liebsten das Funny-van-Dannen-Ehrenabzeichen anheften. Man muss auch sagen: Sie ist schon einigermaßen genial – allerdings ist sie des Weiteren (FUs Kenntnis vorausgesetzt) eine Verbeugung vor dem Song „No Future, das war gestern“ von den mächtigen Kassierern (die man wenigstens von der GötterDÄmmerung kennen sollte) in Kooperation mit Mambo Kurt (den man wenigstens von der GötterDÄmmerung kennen sollte) aus dem Jahr 2010:

 

Passt ja auch inhaltlich super: Da ist dieser vulgär tätowierte Punk mit dem blauhaarigen Mädchen der zu den Kassierer pogt – und plopp, kaum wird er romantisch sind die Chartstürmer DÄ das punkigste was er hört. Außerdem werden bei mir Erinnerungen an den Le-Frisur Schmetterer „No Future (Ohne neue Haarfrisur)“ wach, sonst wurde der Slogan bei den DÄ bisher soweit ich weiß nicht verewigt. Wurde, so gesehen, Zeit. Abgesehen davon ist No Future natürlich total gestern.

3. Sie heißt Andrea, ihre Haare sind blau

Andrea ist, was passiert ist. Und es ist der erste weibliche Eigenname den FU in seinen Songs verwendet seit… Monika? Männliche Namen waren zuletzt Onkel Werner und Dieter in Junge.

4. Ihr habt Verkehr und Du gibst es zwar nicht zu, aber sie ist Deine Traumfrau

Die Protagonisten sind wohl recht jung, was den DÄ wieder den Vorwurf der ewigen Jugendversteher einbringt. Weiß aber nicht, was das für ein Vorwurf sein soll. Verkehr ist auch angenehm witzig nach dem Einstieg mit Fick Dich. Und dass er es nicht zugibt betont gleichzeitig wie ernst es ihm wohl mit Andrea ist.

5. Aber ist das noch Punkrock, wie Dein Herz schlägt, wenn sie Dich küsst? Ist das noch Punkrock, wenn Euer Lieblingslied in den Charts ist?

Das ist, was wohl nicht nur Bela an dem Song mag: Punkrock und Romantik.

6. Das hat so den Coolnessfaktor von einem Gartentraktor

Farins Anwärter für den besten Reim des Albums, ein beliebtes Spiel zwischen ihm und Bela. Einer der besten Reime aller Zeiten aus dem DÄ-Korpus ist übrigens aus dem Planet Punk Titel „Banane“ das Wort „Nahrungsaufnahme“ auf „Fellatioreklame“. Dann noch der Hinweis, dass ich noch nie ein Lied über einen Gartentraktor gehört habe, dieses Jahr aber zwei Lieder mit dem Thema in einer Woche: Das hier besprochene und Rainald „Der Meister“ Grebes „Aufs Land“ mit dem Reim „Ich will hier raus. Ich steige aus. Ich wünsche mir so sehr, sooo sehr: Du, ich und der Sitzrasenmäher.“

7. Ist das noch Punkrock? – ich glaube nicht

Geilomat: Spätestens seit Gründung der Band werden die DÄ immer und immer und immer (und immer und immer) wieder mit dieser Frage konfrontiert. Seid Ihr eigentlich Punk(rock)(er)? Ist das Punk? Gerne wird auch darauf hingewiesen, dass ein Song, der sich am Thema Punkrock abarbeitet mittlerweile ebenso obligatorisch wäre wie ein Felsenheimerscher Gruftsong. Abgesehen jedoch davon, dass die Gruftsongs ausgegruftet sind: Es gibt tatsächlich einige Songs mit dem Thema: Punkrock Girl (Mach die Augen zu Single), Punkbabies, Bravopunks, That’s Punkrock und Ich bin ein Punk (5, 6, 7, 8 Bullenstaat) Punk ist… (13), Als ich den Punk erfand (Geräusch)

8. Früher warst Du dabei, wenn eine Wanne brannte

Laut Wikipedia ist eine Wanne „die umgangssprachliche Bezeichnung für Mannschaftswagen der Berliner Polizei“ – auch zu hören im 5,6,7,8 Bullenstaat Song Bullen unter Wasser mit der Zeile „Die Wanne steht am See“ (Was wiederum auf den Wannsee anspielt).

9. Dies Jahr am 1. Mai besuchst Du ihre Tante

Der 1. Mai ist der Tag der Arbeit und wird etwa in Berlin gerne auch von Steineschmeißern missbraucht. Nicht mehr von unserem Protagonisten. Seit er ein Mädchen hat ist er ja nicht mehr dabei, wenn Straßenschlachten mit der Polizei in brennenden Wannen gipfeln sondern er besucht ab jetzt brav ihre Tante.

10. Seit es Andrea gibt gehst Du nicht mehr saufen

Und das von FU, dem nichtalkohlischstem Rocker Deutschlands! Übrigens war es in sofern auch passend dass der bis dahin einzige Saufsong der DÄ, „Saufen“, auch von ihm kam. Mittlerweile hat Bela mit „Tut mir leid“ (Single von Junge) nachgelegt.

11. Ihr geht zu Ikea um Euch für die neue Bude eine Küche zu kaufen

Jaja, mit 20 kauft man noch guten Gewissens bei Ikea. Mit 30 klingt es dann schon wieder wie bei Meister Grebes „30 jährige Pärchen„:

„Beate redet gern über Möbel und sagt Ikea kommt mir nicht ins Haus
Bis auf den Tisch da, der ist von Ikea, der sieht aber nicht nach Ikea aus
Respekt verdienen Menschen die bei Ikea einkaufen ohne dass es nachher nach Ikea aussieht“

12. Refrain (siehe oben)

13. Ich will Euch nicht den Spaß verderben aber musste Sid dafür sterben

Sid meint natürlich Sid Vicious, den Bassisten der Sex Pistols.

14. Ist das noch Punkrock? Mhmhm.

Fies, das kann man ja gar nicht schreinen.

15. Du machst nichts mehr ohne sie / Ihr seid so ein bisschen wie / Tom Cruise und Scientology

Jeder kennt das: Mit der der Freundin oder dem Freund ist nichts mehr anzufangen seid sie oder er eine oder einen neue oder neuen hat. Mit Tom Cruise und Scientology ist es möglicherweise ähnlich? Äh. Möglicherweise ist der Punkt hier eher: Du gibst Deine eigene Identität auf und redest wirres Zeug und es braucht eine Menge Anonymer Menschen die sich mit Deiner Ische anlegen um Dich zu befreien.

16. Gut geht das auf Dauer nich / Du verstehst meine Trauer nich / Das ist wirklich bedauerlich denn

Okay, da ist nicht viel zu zu sagen. 🙂

17. Refrain (siehe oben)

18. Ihr solltet Euch immer fragen: Was würde Stiv Bators sagen

Der oben genannte Sid Vicious ist ja recht bekannt, deshalb hat Rod in irgendeinem Interview auch mal gesagt, er habe darauf eingewirkt, dass bei der zweiten Namensnennung mit Stiv Bators ein etwas weniger populärer Urpunk genannt werde. Oder FU sagte Rod habe es gesagt. Oder irgendwie so. Zu viele Interviews… Kann… nicht… atmen…

Dann natürlich muss man noch auf die Vorlage „What would Jesus do“ hinweisen und vor allem auch auf das „Ihr solltet Euch immer fragen: Was würden die Ärzte sagen“ T-Shirt im Shop.

19. Ist das noch Punkrock? Ich – glaube nicht.

Schluss.

Jetzt noch die drei Videos zum Song:

Performance
 
Animation (von Nico-John Dengg und Oliver Martinovic)
Offizieller Videoclip (mit Aufnahmen der drei Berliner WaldbühneKonzerte vom 17., 18. und 19. August 2012), ist also gleich noch eine Vorabauskuppelung der kommenden Live-DVD.

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2 thoughts on “Analyse: Ist das noch Punkrock

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